Körperteile: Der optimierte Mensch

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Verschiedene Organe der menschlichen Anatomie können mittlerweile durch künstliche Organe ersetzt werden – Herz, Lunge, Nieren: all dieser anfällige Ballast der menschlichen Evolution der Millionen von Jahren mit keinerlei Funktionsgarantie und Rückgaberecht! Arme Menschheit. Aber ich weiß, dass es auf der Welt Menschen gibt, die das menschliche Dilemma der körperlichen Anfälligkeit durchschaut haben und wirksam dagegen vorgehen wollen. Ärzte? Krankenkassen? Ach was…

Millionäre! Ganz einfach. Menschen mit viel Geld. Und wie mir kürzlich ein Bekannter in der S-Bahn erzählte, hat sich ein Millionär vor vielen Jahren in London von dem Arzt meines Bekannten eine Art ‚Stückliste‘ der körperlichen Anatomie zusammenstellen lassen. Dieser Mensch wollte eine detaillierte Liste der Körperteile und Innereien, aufgeteilt in verschiedenen Dringlichkeitsklassen, überlappt durch einen schematischen Aufbau der grundsätzlichen Versorgungssysteme im menschlichen Körper, also Atmung, Verdauung, Durchblutung. Weiterhin bestand die Liste aus einer Aufgliederung der elementarsten Knochengelenke, der durchschnittlichen Länge aller Knochen eines europäischen Menschen und natürlich das durchschnittliche Fassungsvermögen des Schädels. Warum dies alles?

Eigentlich verfolgte der Millionär in London nur eine gewöhnliche Betrachtung, welche sich auch in allen Bereichen der industriellen Produktion abspielt: Welche Komponenten muss ich sicherstellen? Welche Funktionen und Systeme kann ich vereinfachen, verschmelzen und normieren? Sozusagen den mensch-technischen optimalen – besser: optimierten -Mechanismus zusammenstellen. Und so spendete er der ‚Universität für angewandte Wissenschaften‘ in London das Geld für die Neueinrichtung des Fachbereichs ‚Human Linear Optimisation‘ (HuLOp).

Die Einrichtung von HuLOp in London hat in der medizin-technischen Fachpresse große Empörung ausgelöst, weil spontan von einer ‚Rassentheorie‘ ausgegangen wurde. Zumal man bei der Eröffnung des Fachbereichs mit einer Pressekonferenz auch die Sponsoren vorstellte und unter diesen Sponsoren sich auch das führende deutsche Unternehmen in Sachen ‚Medizinische Technik‘ befindet. Und damit war die kausale Kette (Menschen -> Verwertung -> deutsch = Faschismus) für die hiesige Presse geschlossen und die Jagd auf das Projekt eröffnet. Mit einen genialen Schachzug des Geldgebers wurde alles anders. In den Statuten von HuLOp wurden folgende Gesetze verankert:

  • Das Projekt bezieht keinerlei Position zu irgendeinen Gesellschaftssystem und versteht sich als ‚the world largest Project‘.
  • Alle menschlichen Eigenschaften, die nach dem Statut der UNESCO den Menschen definieren, müssen(!) erhalten bleiben – eine Erweiterung der Fähigkeiten ist erlaubt.
  • Alle Ergebnisse aller Versuchsreihen und Optimierungen werden in einer offenen Datenbank über das Internet allen Interessierten ohne Einschränkung zur Verfügung gestellt.
  • Daraus abgeleitete Patente stehen auf unbegrenzte Zeit kostenlos allen Interessierten zur Verfügung.
  • Die einzige Versuchsperson der medizin-technischen Versuche ist Mr.Making.

Mit diesen Regelwerk machte sich der Fachbereich an die Vorarbeit der menschlichen Optimierung. Die Zielsetzung war, die menschlichen Organe zu vereinfachen – damit war ursprünglich eine Blade-Bauweise angestrebt, also Platinen, die nach öffnen der Bauchdecke einfach in eine Hauptplatine gesteckt werden – , die Knochen entsprechend der Normierung gegen Knochen aus leichten Stahl, die Gelenke ebenfalls aus leichten Stahl und mit optimierten Neigungswinkel und Funktionsgruppen, z.B. Atmung, gegen leistungsfähigere Pumpen zu ersetzen. Kurz: Das Ziel ist, soweit wie irgend möglich, die Innereien und das Skelett des menschlichen Körpers gegen mechanische Bauteile zu ersetzen.

Nur zwei Jahre später nach Abschluss der Vorarbeit, konnten die ersten Erfolge vorgelegt werden: Hr.Making (1966 in Frankfurt am Main geboren, s.a. FAZ vom 26.08.1966) hatte sich das komplette Skelett und alle Gelenke gegen Bauteile aus leichten Stahl tauschen lassen. Dies brachte in der Gewichtsendrechnung eine Ersparnis um 17%, die Reduzierung der Bruchgefahr um 97% und eine Steigerung des Knochenlenk-Faktor um 26%. Nur 3 Jahre später verkündete HuLOp wieder einen Erfolg: Atmung, Blutzirkulation und Verdauung konnten mit einer Modul-Bauweise im Brustbereich untergebracht werden. Diese Bauweise ist nicht ganz so platzsparend wie die Blade-Bauweise, allerdings ist sie einfacher in der mechanischen Konstruktion und sie erfordert keinerlei elektronische Steuerung. Die Techniker entschieden sich wegen dem deutschen Sponsor für eine metrische Kopplung der Systeme. Damit konnte der Lebens-Index (LI) um 26 Punkte gesteigert werden!

Die Ersetzung der Haut verursachte im HuLOp die größten Diskussionen. Nach dem Statut der UNESCO ist die Haut ein Kriterium, die den Menschen als Menschen definiert (unabhängig der Farbe!) und damit nicht ersetzbar. Aber in Anbetracht der medizin-technischen Entwicklung in der Generierung von Haut und der Optimierung der Haltbarkeit der Hautzellen (z.B. bei Einwirkung von Licht, hier konnte die NASA als Sponsor gewonnen werden) entschied man sich für die Beibehaltung der Haut von Mr.Making. Die Diskussion stellte sich auch nicht so sehr bei dem Thema der technischen Machbarkeit von Haut sondern vielmehr um den Verlust der Empfindsamkeit der menschlichen Haut! Bei allem Forschen war eines noch nicht wirklich gelöst: Wie werden Empfindungen durch technische Teile transportiert? Also, der einfache körperliche Kontakt, z.B. das flüchtige berühren zweier Arme oder der komplexe köperliche Kontakt, z.B. das Streicheln in erogenen Zonen, waren das eigentliche Problem. Zwar hatte sich Samsung als Sponsor angeboten, seine Technik der Touchscreens in einer Versuchsreihe auf die menschliche Haut zu übertragen, aber man war sich bei HuLOp einig, dass man damit in Opposition zu den Statuten der UNESCO wäre und das wollte man auf keinen Fall!

Grundsätzlich sollte man hier auch nochmal betonen, dass HuLOp von Anfang an keinerlei Interesse hatte, den Menschen zum menschlichen Roboter weiterzuentwickeln, sondern vielmehr, mit der bekannten Ethik und Respekt vor dem Menschen, das technische Optimierungspotential des Menschen unter spezieller Betrachtung des medizin-technischen Potential zu entwickeln gedachte.

Und so entwarf man, vergleichbar eines Londoner S-Bahn-Plans, eine Karte, auf der die Hauptstränge der menschlichen Gefühlsnerven (und viele der sekundären Stränge, die unabdingbar sind, z.B. ergänzende Stränge zum Gehirn) kartiert wurden und – der größte politische Erfolg von HuLOp – als weiterer Definitionsbaustein für ‚Mensch‘ von der UNESCO aufgenommen wurde. Natürlich hatte das auch Vorteile für die Industrie: wie ein Kabelbaum, der in allen Automarken eingebaut wurde, so ermöglichte die Kartierung der Gefühlsnerven der medizinischen Industrie eine Art normierte Kabelbäume für den Menschen.

Nach knapp 10 Jahren veröffentlichte HuLOp einen Zwischenbericht. Es war in diesen Zeitraum gelungen, folgende Systeme zu ersetzen oder zu optimieren:

  • Atmung, Blutkreislauf und Verdauung
  • Skelett und Gelenke
  • Haut (Widerstand gegen äußere Einflüsse und Regeneration)
  • Sekundäre Systeme (Zähne, Haare, Nägel an Finger und Fuß, Augen (ohne Veränderung der Augenfarbe! siehe Statut der UNESCO und SEC-EYEus)

Letztlich war es ein überaus gelungenes Projekt, dass viele medizinische Einsichten und oftmals gesellschaftliche Debatte und Klärung hervorbrachte. Auch zukünftig gibt dieses Projekt noch vielen Generationen an Medizinern, Technikern und Sozialwissenschaftlern Forschungsmaterial.

Der aktuelle Stand zum Abschluss: Zur Zeit werden im Projekt ‚Sensitive Schaltungen‘ des HuLOp an einen teilweisen Ersatz des Gehirns gearbeitet. Ähnlich dem Haut-Thema (s.o.), hat man sich mit der UNESCO darauf geeinigt, Kernbereiche des Gehirns zu definieren, die als Definitionsbaustein in die Statuten Einzug halten und als feste Größe in der weiteren Optimierung des Menschen berücksichtigt werden müssen. Allerdings hat hier die UNESCO das Zugeständnis gemacht, dass dieser Definitionsbaustein neu bewertet werden muss (!), wenn die Erforschung des Gehirns, fundamentale und neue Einsichten in die Wirkungsweise des Gehirns liefert.

Frankfurt am Main, den 27.Juni 2009

– für die folgenden Generationen –

Link | Mensch besteht aus zehn Organchips |

[update]

Und hier nochmal zur aktuellen Verdeutlichung.

Dezember 2014: ein weiterer Artikel zum Thema, hier: Haut.

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2 Kommentare auf "Körperteile: Der optimierte Mensch"

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Brubaker
Gast

Ich glaube, dass es wirklich bald notwendig ist, dass mal definiert wird, was den Menschen organisch ausmacht – gerade weil heute alles an organen ersetzt werden kann!

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[…] Punkt. Aber soweit will ich garnicht abschweifen. Vielmehr will ich hier nochmal auf meinen Artikel Der optimierte Mensch eingehen, in dem ich über den Austausch von Körperteilen sinniere. Und da ist es mir ein […]

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